Textproben

Prosa

Totensonntag

 

Erzählung

 

 

Marie saß im Zug und hatte ein Buch auf ihren Knien aufgeschlagen. Draußen flog das schmutzige Grün der Büsche am Fenster vorbei, am Horizont zogen Hochspannungsmasten wie Sträflinge an einer Kette hintereinander her. Morgen war Totensonntag, und der Himmel war schmal und tief, so tief, dass er fast keinen Platz mehr zwischen sich und der Erde zu lassen schien. Marie lauschte auf das Rattern der Räder. Sie versuchte, sich wieder auf das Buch zu konzentrieren, es gelang ihr nicht. Sie legte ihre Stirn an die Scheibe, erschrak dann aber, als ein Zug aus der Gegenrichtung an ihr vorüberdonnerte.

Maries Großvater war vor einer Woche gestorben – sein Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen. Ihre Mutter hatte gesagt, der Großvater habe nicht gelitten, er sei einfach nicht mehr aufgewacht an diesem Morgen. Habe der Arzt gesagt. Was für ein Tod, dachte Marie. Der Großvater war Rechtsanwalt gewesen bei einer internationalen Vereinigung, und er war viel herumgekommen in seinem Leben. Achtundsiebzig war er geworden, vor ein paar Monaten erst hatte er eine Reise nach Osteuropa unternommen, nach Polen, Weißrussland, in die Ukraine. Marie hatte eine Karte aus Odessa am Kühlschrank hängen, eine verknitterte kleine Karte, auf dem das Meer hinter einer Reihe Hochhäuser zu sehen war. Marie hatte sofort im Atlas nachgeschlagen, um zu wissen, von wo ihr Großvater schrieb. Das war vor drei Monaten, jetzt war der Großvater tot und Marie war auf dem Weg zu seiner Beerdigung.

Erneut rauschte ein Zug vorbei und verdunkelte das Abteil für einen Augenblick. Marie schlug das Buch zu und legte es auf den freien Sitz neben sich und sah zu dem Mann hin, der an der Ecke schräg gegenüber saß und sie anblickte.

„Scheint kein besonders spannendes Buch zu sein“, sagte der Mann. Er hatte einen Parka an und einen komischen Hut, so etwas wie ein zu klein geratener Borsalino, den er auch jetzt noch nicht abgelegt hatte, obwohl er schon seit zwanzig Minuten in Maries Abteil saß.

„Nein. Nicht besonders spannend.“ Marie versuchte ein Lächeln, das ihr nicht gelang, und blickte dann wieder zum Fenster hinaus. Hinter einem Wald kamen ein paar Häuser zum Vorschein, niedrige Bauernhöfe, Getreidesilos und Scheunen, davor lagen Autoreifen auf weißen Plastikplanen, es sah aus wie der erste Schnee in diesem Jahr.

„Warum versuchst du es nicht mal hiermit?“ kam es aus der Ecke. Marie drehte den Kopf. Der Mann hielt ihr ein schmales Buch entgegen, das eher wie eine Zeitschrift aussah, und lächelte sie mit schiefen Augen an. Marie hatte keine Lust, mit dem Mann zu sprechen, aber sie nahm das Buch entgegen.

„Das ist mal was wirklich Spannendes“, sagte der Mann. Er mochte ungefähr Mitte Zwanzig sein, nicht viel älter als Marie, aber es störte sie trotzdem, dass er sie duzte. Sie nahm das Buch.

„Was ist das?“ fragte sie, ohne auf den Umschlag zu gucken. Der Mann hielt ihr seine Hand noch immer entgegengestreckt, obwohl sie das Buch schon längst genommen hatte, als erwarte er einen Handschlag oder irgendwas dafür.

„Sieh’s dir an“, sagte er.

Marie warf einen Blick auf den Umschlag. Eine Frau hielt darauf dem Betrachter ihre halb entblößten Brüste entgegen, während sie ihre Arme um den Hals eines Mannes geworfen hatte, der sie ansah. „Schwester der Finsternis“ stand da in Großbuchstaben, und etwas kleiner darunter: „Von John J. Springs“. Marie wollte das Buch in die Hand des Mannes zurücklegen, der sie jedoch schnell wegzog.

„Ist ein Geschenk“, sagte er und lächelte wieder, wobei seine Augenlider unter der Hutkrempe zuckten.

Marie legte das Heft auf ihr Buch neben sich und sah wieder zum Fenster hin. Die Bauernhöfe waren verschwunden, jetzt breiteten sich weite Felder über die Hügel aus, die brach zu liegen schienen. Die Erde war grau, so grau wie die Wolken im Himmel. Marie konnte da hinten keinen Horizont ausmachen. Sie überlegte, ins Zugrestaurant zu gehen und einen Kaffee zu trinken, aber sie hatte Angst, ihr Gepäck bei dem Mann im Abteil zu lassen, und zum Mitnehmen war es zu schwer.

„Kennst du den Autor?“ fragte der Mann wieder. Marie drehte den Kopf nicht. Sie schloss die Augen und dachte an ihren Großvater, wie er im Bett lag und schlief und schlief.

„Das ist ein Pseudonym, weißt du?“ Marie hörte, wie der Mann in seiner Tasche kramte und ein Feuerzeug anzündete.

„Hier ist Nichtraucher“, sagte sie, ohne die Augen zu öffnen. Der Mann entschuldigte sich, lachte geziert und kramte wieder in seiner Tasche.

„Ist von mir“, sagte er nach einer Pause. Marie wandte ihm jetzt wieder den Kopf zu und sah ihn fragend an.

„Das Buch“, sagte er und riss die Augen auf, wobei er mit dem Kinn auf den Sitz neben Marie deutete. Sie nahm das Heft wieder in die Hand, betrachtete den Umschlag erneut, als hätte sich damit irgendwas verändert.

„,John J. Springs’ ist dein Pseudonym?“ fragte Marie.

„Exakt. So was können sich die Leute merken. Eigentlich heiße ich Markus.“ Der Mann lächelte und streckte ihr erneut die Hand entgegen. Marie beugte sich schnell vor und schob das Heft zwischen seine Finger.

„Sehr erfreut“, sagte sie.

Die Türe des Abteils ging auf, ein Schaffner, der Marie riesig vorkam, setzte einen Fuß hinein und bat um die Fahrkarten. Marie hatte ihre als Lesezeichen in ihrem Buch, der Mann suchte wieder in seiner Tasche. Es war ein abgegriffener schwarzer Lederrucksack mit lauter Aufklebern drauf. Auf einem erkannte Marie Homer Simpson. Sie sah zu, wie der riesige Schaffner ihr Ticket entgegennahm und es lange musterte, als müsse er sich alles merken, was darauf geschrieben stand. Der Schaffner hatte einen breiten Schnurrbart, dessen Enden nach oben gedreht waren und den schon einige graue Härchen durchzogen. Er stempelte Maries Ticket ab, gab es ihr zurück und wartete auf das Ticket des Mannes, der Markus hieß und sich John J. Springs nannte.

„In welcher Richtung geht’s denn zum Zugrestaurant?“ nutzte Marie die Pause, die entstand, während John J. Springs seinen Rucksack durchwühlte.

„Dieser Zug führt kein Bordrestaurant, aber hinter Wagen Drei finden Sie ein Bistro“, antwortete der Schaffner und schlug sich mit dem Stempel gegen den Oberschenkel. John J. Springs hatte seine Karte endlich gefunden und reichte sie dem Schaffner. Der Schaffner stempelte sie ab, ohne darauf zu gucken, grüßte und schloss die Abteiltür.

Marie hörte, wie die Bremsen angezogen wurden, und fühlte den Zug langsamer werden. Sie fuhren an Wohnhäusern vorbei, durch einen Tunnel, dann lange Zeit über eine Eisenbahnbrücke. Über den Dächern sah Marie die Spitzen einer Kirche und einen Fernmeldeturm.

„Hier muss ich leider schon raus“, sagte John J. Springs. „War schön, mit dir geplaudert zu haben.“

Geplaudert, dachte Marie. Sie sah den Mann an, der aufgestanden war und seinen Rucksack zuband.

„Vielleicht treffen wir uns ja mal wieder? Fährst du oft diese Strecke?“

„Ich denke nicht“, sagte Marie. Das letzte Mal, dachte sie, aber sie sagte es nicht.

Der Mann hängte den Rucksack mit den Aufklebern um die Schulter, lächelte Marie noch einmal zu, berührte dabei seinen Hut und verließ das Abteil. Der Zug fuhr jetzt in den Bahnhof ein. Er hielt, auf dem Bahnsteig sah Marie eine Menge Leute aussteigen und eine Menge einsteigen. Im Gang liefen sie von rechts und links an ihrem Abteil vorbei, doch niemand setzte sich zu ihr. Jetzt merkte sie, dass der Mann sein Heft auf seinem Sitz liegen gelassen hatte. Sie nahm es, während der Zug wieder anfuhr, blätterte es durch und legte es dann auf das Tischchen vor sich.

Einige Hundert Meter hinter dem Bahnhof hielt der Zug abrupt an, sodass das Heft vom Tisch hinunter und auf den Sitz gegenüber rutschte. Maries Fenster stand jetzt genau neben einer Backsteinmauer, vielleicht der Mauer eines Zugschuppens oder einer Werkhalle. Im Abteil wurde es dunkel. Marie stand auf und drehte das Licht oberhalb der Tür an. Sie musste jetzt wieder an ihren Großvater denken, an sein Gesicht mit den großen Augen und dem großen Mund. Sein rastloses Gesicht, die rollenden Augen und die ständig bewegten Lippen, die ihr Geschichten erzählten von Tunesien und Libyen, von der Vergangenheit, vom Krieg, von allem.

Wie friedlich es jetzt daliegen mochte, dieses unvergessliche Gesicht, in einem mit weißer Seide ausgeschlagenem Sarg.

Sie dachte an seine Hände, die seine Rede begleiteten, seine komischen Gesten, diese breiten und doch zierlichen Hände, wie sie Klavier spielten, wie sie Maries Hände umfassten, wie sie über ihr Haar strichen.

Wie friedlich sie jetzt daliegen mochten, diese außerordentlichen Hände, vor der Brust gefaltet in diesem letzten Schlaf.

Morgen war Totensonntag, morgen war seine Beerdigung.

Marie erschrak, als die Tür aufsprang. Der Zug stand noch immer vor der Backsteinmauer, im Abteil war es noch immer dunkel trotz des Deckenlichts. Der Schaffner mit dem gedrehten Schnurrbart stand auf der Schwelle und sah Marie an. Es kam ihr vor, als habe er sie bereits angesprochen und warte nun auf eine Antwort, aber sie hatte nichts gehört.

„Außerfahrplanmäßiger Halt“, sagte der Schaffner und schlug zweimal mit dem Stempel gegen den Türrahmen. „Wird gleich weitergehen. Ein wenig Geduld, bitte.“

Der Schaffner ging zurück in den Gang, ohne die Tür zuzuschieben. Marie stand auf, um das Abteil wieder zu schließen, sah aber dem Schaffner noch hinterher, der sich an den Leuten bis zum nächsten Wagen vorbeizwängte. Die anderen Abteile öffnete er nicht, dort informierte er niemanden über einen außerfahrplanmäßigen Halt, dort bat er nicht um Geduld. Marie hatte das Gefühl, als hätte sie den Schaffner durch irgendwas um Auskunft gebeten, vielleicht durch einen falschen Blick oder etwas ähnliches. Vielleicht verwechselte er sie auch einfach nur.

Sie schob die Tür zu und setzte sich wieder auf ihren Platz. Sie blickte in die Leere vor sich. Eine vollbusige Frau blickte grimmig zu ihr zurück. Sie nahm das Heft vom gegenüberliegenden Sitz und legte es wieder auf das Tischchen. Sie wartete, dann nahm sie das Heft auf ihren Schoß, schlug es irgendwo in der Mitte auf und las ein paar Zeilen. Sie legte das Buch weg und schloss die Augen. Sie wollte versuchen zu schlafen, doch es gelang ihr nicht. Bilder von ihrem Großvater gingen ihr durch den Kopf, hier und da vermischt mit dem schiefen Gesicht des Mannes mit dem Hut und dem grimmigen Blick der Schwester der Finsternis. Sie stand auf, um das Deckenlicht wieder zu löschen. Auf dem Gang sah sie den Schaffner vorbeilaufen. Er sah müde aus und ein wenig verwirrt. Sie öffnete die Tür und fragte ihn, warum der Zug so lange halte.

Er sah sie an, zögerte und kam dann zu ihr ins Abteil. Er schloss die Tür hinter sich.

„Da hat sich jemand vor den Zug geworfen. Der liegt jetzt da, mitten auf den Gleisen. Die Polizei ist schon da, aber das dauert alles noch. Ich weiß auch nicht, was sie da so lange machen, uns sagt man ja nichts.“

Der Schaffner bat Marie um Entschuldigung, obwohl er ja nichts dafür konnte, wie Marie fand, drehte sich dann um und setzte seinen Weg durch den Zug fort.

Marie öffnete das Fenster und schob den Kopf hinaus. Ein paar Regentropfen fielen ihr auf die Haare. Sie lehnte sich weiter vor und blickte in Richtung Lokomotive. Aber sie konnte nichts sehen.

 

Als sie noch klein war, hatte ihre Mutter sie oft zu ihren Großeltern gebracht, die ein Haus hatten irgendwo bei Fulda. Es lag auf einer Anhöhe, umgeben nur von Wald und ein paar Rapsfeldern, es war ziemlich ländlich. Der Großvater hatte da noch gearbeitet und war oft weg, sodass Maries Großmutter auf sie aufpasste. Sie streifte in den Wäldern herum, fiel in irgendwelche Bäche und baute sich ein Schloss in einem Hochstand für Jäger. Am Wochenende, als der Großvater kam, begleitete er sie in den Wald, sammelte Pilze und pflückte Beeren mit ihr, die die Großmutter später einkochte. Er schenkte ihr Bücher und musste ihr daraus vorlesen. Er erzählte ihr von den Fällen, die er vertrat, und verriet ihr, wie er sie gewinnen wollte.

Das Haus war klein, aber für drei Leute war Platz genug. Zwei Mauern waren mit Fachwerk gebaut, die anderen Seiten waren aus Holz. Es war ursprünglich nur eine bessere Jagdhütte, die einem Politiker aus Fulda gehört hatte, der hier Wildschweine jagte. Der Großvater kannte den Politiker vom Gericht und hatte ihm irgendwann Haus und Grundstück abgekauft, als der Politiker in die Hauptstadt umzog. Die Großmutter hatte viel Sorgfalt und Mühe in das Haus gesteckt, sie hatte ein Faible für Landhausstil, der auch gut hierhin passte, wie Marie fand. Die unebenen Fußböden hatte die Großmutter belassen und auch den Rauhputz außen, der dem ganzen einen etwas schäbig-verwegenen Ausdruck verlieh. In der kanariengelben Küche gab es einen Kamin, der als Kochstelle diente und gleichzeitig alle Räume heizte. Von den Deckenbalken hingen ganze Sträuße von Kräutern, Kerbel, Majoran, Liebstöckel, die die Großmutter im Garten anbaute. Im Bad war ein Waschbecken in einen alten Stoffhändlertisch eingelassen, das Wasser musste man in einem Krug vom Brunnen draußen holen. Vom Fenster aus sah man auf zwei Birnenbäume, zwischen denen der Großvater eine Hängematte für Marie gespannt hatte.

Ihren sechzehnten Geburtstag hatte Marie bei den Großeltern verbracht, weil ihre Mutter von einem Typen eingeladen worden war, mit ihm auf Geschäftsreise durch Spanien zu fahren und gleichzeitig ein wenig Urlaub zu machen. Alleinerziehende Mütter bräuchten hin und wieder ein wenig Urlaub von Zuhause, hatte der Typ, der für einen Reiseclub arbeitete, gesagt. An diesem Tag war ihr Großvater da gewesen, obwohl es ein Mittwoch war und eigentlich arbeiten musste. Er hatte ihr ein Buch geschenkt, „Gevierteilt“ von Cioran. Sie hatte es gelesen und hatte es ein zweites Mal gelesen, dann hatte sie es weggestellt und hatte es irgendwann ein drittes Mal gelesen. Die Widmung, die der Großvater in seiner raumgreifenden Handschrift hineingeschrieben hatte, lautete: „Für Marie, die Unvollendete“.

 

Der Zug ruckelte zweimal nach vorne, hielt dann wieder kurz und fuhr schließlich an. Die Backsteinmauer verschwand aus Maries Blickfeld und gab die Sicht auf eine Straße frei, die neben den Gleisen herlief. Marie sah keinerlei Polizei oder Feuerwehr, auch keinen Mann, der verwirrt neben dem Zug herlief. Alles schien nur ein ganz gewöhnlicher außerfahrplanmäßiger Halt gewesen zu sein. Nichts deutete darauf hin, dass sich hier jemand vor den Zug geworfen haben könnte. Marie erschien diese Erklärung auf einmal sehr unwahrscheinlich. Wie konnte so etwas so lange dauern? Beinahe eine halbe Stunde musste der Zug gestanden haben. Ein Selbstmörder kettet sich doch nicht noch an die Schienen an, nachdem er sich dorthin gelegt hat. Und die Polizei würde doch nicht einen ganzen Zug blockieren, nur um den Zugführer an Ort und Stelle zu vernehmen. Aber der Schaffner hatte es doch gesagt ...

Marie fiel das Heft in die Augen und es kam ihr der Gedanke, dass es vielleicht dieser Mann aus ihrem Abteil gewesen war, der sich da hatte umbringen wollen. John J. Springs. Ein wenig verrückt hatte er ja schon ausgesehen. Und nach dem zu urteilen, was er da verfasst hatte – wenn es denn sein Buch war –, war er vielleicht tatsächlich lebensmüde. Aber der Zug hatte viel zu weit hinter dem Bahnhof abgebremst, wo John J. Springs ausgestiegen war, so schnell hätte kein Mensch laufen können, um sich hier auf die Gleise zu legen. Aber hatte Marie John J. Springs denn wirklich aussteigen sehen? Vielleicht war er im Zug geblieben und hatte dann die Notbremse gezogen?

Marie stand auf, packte beide Bücher in ihre Tasche, verließ das Abteil und ging in die Richtung, die ihr der Schaffner zum Bistro gewiesen hatte. Dort war es voll und die Luft war schlecht, es roch nach Zigaretten, obwohl auch hier Rauchverbot war. Zwei Männer standen an einer schmalen Theke zum Fenster hin und spielten Schach mit magnetischen Figuren, weiter hinten schlug eine Frau ihrem Sohn leicht auf den Hinterkopf und rief etwas, was Marie nicht verstehen konnte. Das Kind hatte einen riesigen Schokoladenfleck auf der Wange und lachte.

Marie kämpfte sich durch die Menge hindurch, was schwer war, da die meisten ihren Kaffee in Plastikbechern vor sich her trugen und Marie niemanden anrempeln wollte. Bei einer Frau mit verweinten Augen bestellte Marie einen Kaffee und ein Croissant. Im Moment sei die Maschine für das heiße Wasser kaputt, sagte die Frau, sie könne aber einen heißen Kakao haben. Marie legte das Geld auf die Ablage und nahm Kakao und Croissant mit zu einem runden Stehtisch.

Sie trank ihren Kakao. Sie musste noch einmal an diesen Mann mit dem zu kleinen Hut denken. Vielleicht hatte er sich wirklich auf die Gleise geworfen. Das alles kam Marie bizarr und unwirklich vor. Sie fuhr zur Beerdigung ihres Großvaters, die morgen, Totensonntag, stattfinden sollte, und irgendjemand wollte seinem Leben ein Ende setzen und warf sich vor den Zug. Wenn es dieser Mann gewesen ist, dieser Markus oder John J. Springs, hatte sie dann nicht auch Schuld an seinem Tod? War sie nicht abweisend ihm gegenüber gewesen? Der wollte doch irgendwas, das war doch nicht zu übersehen. Wäre sie mehr auf ihn eingegangen, vielleicht hätte er dann von seinem Plan abgelassen. Aber vielleicht auch nicht.

Jetzt hatte der Zug mehr als eine halbe Stunde Verspätung. Es war unwahrscheinlich, dass der Anschlusszug auf Marie warten würde, und der nächste Zug nach Fulda ging erst anderthalb Stunden später.

Ich müsste meine Mutter anrufen, dachte Marie. Ich müsste ihr sagen, dass ich den Zug nicht mehr erwische und den nächsten nehme. Ich müsste ihr sagen, dass sie mich nicht abzuholen braucht, dass ich ein Taxi vom Bahnhof aus nehme.

Das Croissant schmeckte nach Plastik, der Kakao war nur lauwarm. Jemand rempelte Marie von hinten an, sodass sie ihren Kakao auf den Tisch verschüttete. Sie sah auf und da war diese Frau, die ihren Sohn an der Hand hinter sich herschleifte. Der Sohn blickte zu Marie zurück und lachte. Auf seiner Wange sah Marie den Schokoladenfleck, der ihm fast bis zum Auge reichte.

 

Der Zug hielt im Bahnhof. Marie stieg aus, ging über den Bahnsteig bis zum Ausgang. Draußen rief sie ein Taxi, warf ihr Gepäck auf die Hinterbank und kletterte hinterher. Es war bereits dunkel und Marie spürte, wie die Kälte an ihren Beinen hochkletterte. Sie gab dem Fahrer den Weg an, es war ein Türke oder Kurde oder Armenier, er hatte einen dichten Schnauzbart, Kinn und Wangen waren unrasiert und schwarz von den Bartstoppeln. Auf dem Beifahrersitz lag eine Kassettenhülle, auf der die Worte „Beni Anlama“ standen. Im Taxi roch es nach Zwiebeln, Marie dachte, das kommt sicher von den vorigen Fahrgästen, dann dachte sie, warum sollte es nicht von dem Türken kommen? Nur weil es ein Vorurteil wäre? Marie empfand Ekel vor sich und vor ihrem falschen Hang zu Reinheit und Lauterkeit. Sie musste wieder an ihren Großvater denken, an seine Aufmunterungen, seine Ermutigungen, seine Stärkungen. ,Sei du selbst, aber glaub nicht, du wüsstest, wer du bist.’ Einer seiner Wahlsprüche, an die er vielleicht selber nicht geglaubt hat. Seine Augen kamen ihr in den Sinn, der Glanz in ihnen, wenn er Klavier spielte oder von einem gewonnenen Fall erzählte. Manchmal hatte er diesen Glanz auch in den Augen, wenn er von einem verlorenen Fall erzählte, wenn dieser Fall groß und schwer war, wenn es ein harter Kampf war. Auch davon hat er erzählt, nicht gerne, aber er hat erzählt. Mit den Augen, den Händen, dem Mund, die jetzt allesamt ruhten bis in die Ewigkeit.

Auf einmal kam es Marie aberwitzig vor, weiterzuleben. Wenn ihr Großvater so einfach gehen konnte, was war für sie dann noch zu tun hier? Wenn man ihn diesem Leben einfach so wegnehmen konnte, dann war alles weitere für sie ohne Belang. Er war tot und sie lebte, aber lebte sie wirklich noch? Was sollte das für ein Leben sein, dem er nicht mehr Sinn verleihen konnte? Sie kam sich alt vor, älter als ihre Mutter, älter als die Mutter ihrer Mutter, und sie wollte sterben, gleich hier und jetzt, in einem stinkenden Taxi. Sie wollte einschlafen und nicht mehr aufwachen nach diesem zu langen Leben.

Marie fror. Sie sah aus dem Fenster, konnte aber nichts erkennen. Nur dann und wann warf eine Laterne oder eine Ampel etwas Licht ins Auto, dann wurde es wieder dunkel. Wo sie fuhren, schienen wenig Häuser zu sein, denn es waren keine erleuchteten Fenster zu sehen. Marie erinnerte sich, dass der Weg zu der Stadtwohnung ihrer Großeltern, wo ihre Mutter sie erwartete, durch ein Industriegebiet führte. In dieser Wohnung war Marie selber nur zwei oder drei Mal gewesen, sie war zwar groß und komfortabel eingerichtet, aber den Großeltern schien das Landhaus besser zu gefallen, weswegen sie nur zwei Monate im Winter da lebten. Im Januar konnte man es in der Jägerhütte kaum aushalten vor Kälte, und irgendwann war es für den Großvater auch zu beschwerlich geworden, das Holz für den Kamin zu hacken und zu schleppen.

Der Taxifahrer stellte das Radio an, suchte einen Sender und schaltete wieder aus. Die Kassette ließ er auf dem Beifahrersitz liegen. Marie verspürte plötzlich Angst, der Mann könne sie in irgendein Waldstück fahren, wo niemand sie hören konnte. Sie kannte den Weg nicht, dachte sie, sie war fremd hier, es war dunkel. Sie bereute, dass sie so leichtsinnig gewesen war, hier in ein Taxi zu steigen und sich nicht von der Mutter abholen zu lassen.

Ich hätte ihr Bescheid sagen müssen, dachte sie, ich hätte ihr wenigstens irgendeine Nachricht hinterlassen müssen. Ich hätte mit ihr sprechen müssen.

Das Taxi hielt auf der Straße. Marie blickte zum Fenster raus, konnte aber keine Ampel, kein Schild, kein Haus erkennen. Der Taxifahrer stellte den Motor ab. Draußen war es schwarz und leer. Sie fühlte ihr Blut im Hals schlagen. Das Bild ihres Großvaters stieg vor ihren Augen hoch, wie er im Sarg lag und die Hände vor der Brust gefaltet hatte.

„Was ist das für eine Musik?“ fragte Marie und wies mit der Hand auf den Beifahrersitz. „Ich würde es gern mal hören.“ Vielleicht würde das irgendwas bewirken, dachte sie, vielleicht würde das noch etwas retten. Es erleichterte sie, zu fühlen, dass sie Angst um ihr Leben hatte.

Der Taxifahrer schien zu lächeln und sagte etwas, was sie nicht verstand, aber es war nicht Türkisch, sondern Hessisch. Er nahm die Kassette aus der Hülle, schob sie ins Radio und drehte die Lautstärke hoch. Aus den Boxen dröhnten Geigen und Lauten, orientalische Melodien und eine weibliche Stimme, die Türkisch sang.

Plötzlich brauste ein Zug direkt vor dem stehenden Auto vorbei und von den Lichtern der Abteile erhellt sah Marie die Schranke, vor der das Taxi gehalten hatte. Die Musik war erst wieder zu hören, als der Zug vorüber war. Die Schranke ging hoch, der Taxifahrer ließ den Motor an und fuhr weiter.

 

Zum Frühstück gab es Mettwurst und Putenbrustschinken, Mortadella und Fleischkäse. Marie war als erste aufgewacht an diesem Morgen, sie hatte schlecht geschlafen und war nur kurz vor Sonnenaufgang für eine Stunde eingenickt. Sie deckte leise den Tisch, um niemanden aufzuwecken. Ihre Mutter und deren Freund schliefen in dem Schlafzimmer am anderen Ende des Flurs, ihre Tante schlief im Arbeitszimmer ihres Großvaters auf einer Liege und Marie hatte auf dem Sofa im Wohnzimmer übernachtet. Gestern Abend, als sie angekommen war, hatte sie nur noch ihre Mutter angetroffen, im Bademantel. Sie hatte sie begrüßt, ihr gesagt, sie solle Rücksicht nehmen, die anderen schliefen schon, und hatte ihr gezeigt, wo sie schlafen könne.

Im Kühlschrank fand sie nur diese Wurstsachen, keinen Käse, keine Marmelade. Der Freund von Maries Mutter war Metzger, erinnerte sich Marie jetzt. Wahrscheinlich kam er billig an Fleisch ran. Sie setzte Wasser für Kaffee auf, trug die Teller ins Esszimmer und faltete die Servietten, wie ihre Großmutter es immer getan hatte. Dann setzte sie sich auf die Bank, legte ihr Buch auf den Tisch und betrachtete das Wort „Gevierteilt“ auf der Vorderseite. Sie schlug das Buch an der Stelle auf, wo sie gestern im Zug geendet hatte, und begann zu lesen.

Sie hatte ihre Mutter nicht bemerkt, die plötzlich in der Tür stand. „Was liest du da?“

„Guten Morgen, Mama“, sagte Marie. Sie klappte das Buch zu und ließ es unter dem Tisch verschwinden.

„Du hast den Tisch schon gedeckt?“ fragte ihre Mutter.

„Wie du siehst.“

Es entstand eine Pause. Ihre Mutter, die in ihrem schwarzen Bademantel dastand, bewegte sich nicht von der Tür weg.

„Gibt es keinen Käse?“ fragte Marie und zeigte auf die Wurstplatte vor sich.

„Gibt es keinen Käse?“ wiederholte ihre Mutter. „Nein, es gibt keinen Käse, und wenn du’s genau wissen willst, die Wurst ist ein Geschenk von Frank-Peter und sie schmeckt wunderbar. Wenn du immer noch auf deinem Vegetariertrip bist, dann kannst du ja woanders essen gehen.“

„So war’s nicht gemeint, das weißt du“, sagte Marie. Irgendetwas in ihr erwartete mit großer Gewissheit, dass ihre Mutter nun fragen würde, wie es denn gemeint sei. Doch ihre Mutter schwieg. In ihren Augen lag ein schwaches Schimmern, und sie waren rot, als hätte sie sie zu fest gerieben. Sie löste sich vom Türrahmen und trat ins Esszimmer. Ihre Schritte waren schwankend und staksig, man sah, dass sie Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten. Danach hatte sie gestern Nacht gar nicht ausgesehen, dachte Marie jetzt. Ihre Mutter zog einen Stuhl zurück und setzte sich ganz vorne auf die Sitzfläche, so als wollte sie jeden Moment wieder aufspringen.

„Ich muss noch Wäsche waschen“, sagte sie. Sie schien zu überlegen, ob sie weitersprechen sollte, dann lächelte sie. „Deine Tante, Frank-Peter und ich haben gestern morgen einen kleinen Spaziergang gemacht. Wir sind dahinten durch den Wald, wollten bis zum See. Ein Traktor kam uns auf dem Waldweg entgegen, sodass wir auf die Böschung mussten. Wir hatten alle schon die schwarzen Sachen für heute an, der Fahrer auf dem Traktor hat uns wohl nicht gesehen, oder vielleicht hat er uns auch gesehen. Na, jedenfalls ist er durch diese riesige Pfütze gefahren, gerade als er neben uns war, und wir waren von oben bis unten nass.“

Marie lachte, und auch ihre Mutter begann zu lachen.

„Wir haben vielleicht ausgesehen, kann ich dir sagen“, sagte sie. „Und wie die Leute geguckt haben, als wir dann durch die Straßen zurückgingen ...“

Sie hielt inne und sah Marie an, die leise kicherte. Draußen trafen ein paar Regentropfen auf das Dachfenster. Marie wurde still und rührte Zucker in ihren Kaffee. Sie achtete darauf, nicht mit dem Löffel an die Wände zu stoßen, als könnte jemand davon aufwachen und die Stille zerstören, die jetzt zwischen ihr und ihrer Mutter herrschte. Sie musste an die Beerdigung denken, die an diesem Morgen bevorstand, und an all die Leute, die sie seit Jahren nicht gesehen hatte oder überhaupt nicht kannte. Sie wünschte sich, ein großer Regen würde kommen und alles hinwegschwämmen, das Haus, den Friedhof, alles.

„Also, was ich meine –“, sagte ihre Mutter dann, „ich bin gestern nicht mehr dazu gekommen, und wenn du was hast, was du waschen musst, leg es ins Bad.“

Maries Mutter stand auf und ging zur Tür, die zum Flur führte. Ihr Gang schien Marie jetzt ein wenig fester, aber ihre Augen waren noch immer rot und glasig. Marie wollte noch etwas sagen, aber ihre Mutter war schon draußen und hatte die Tür hinter sich geschlossen.

 

Im Zug nach Hause war es kalt. Es regnete nicht mehr, so wie es gestern geregnet hatte, aber es war frostig. Marie suchte nach dem Schalter für die Heizung und stelle ihn um, nichts tat sich. Sie legte ihre Hand an den kalten Heizkörper und dann an die Fensterscheibe, wo sie einen Abdruck hinterließ, der gleich darauf verschwand. Der Himmel war noch immer grau, nur an einigen Stellen war die Wolkendecke ein wenig aufgerissen und es wurden helle Flecken sichtbar. Vorne landete ein Schwarm Graureiher auf einem Feld, flog aber sofort wieder auf, als der Zug vorüberfuhr. Es kam Marie vor, als wäre dies alles ein einziger, langer Tag, und als müsste er noch eine Ewigkeit dauern.

Sie hatte den Großvater nicht mehr gesehen. Sie hätte die Möglichkeit gehabt, sie hätte in die Kapelle gehen können, wo sein Sarg aufgebahrt lag, aber sie war draußen stehen geblieben. Ihre Mutter war hineingegangen, Frank-Peter war hineingegangen, alle waren hineingegangen. Seit dem Morgen hatte es nicht aufgehört zu regnen, und es war Totensonntag. Auf dem Friedhof war eine Menge Betrieb, viele Leute kamen mit Blumengebinden und Kerzen, um der Toten zu gedenken. Sie gingen an Marie vorbei, die unter dem Vordach der Friedhofkapelle stand, einige nickten ihr zu, andere sahen sie erstaunt an, als wäre sie ein neues Grabmal, das noch nicht an der richtigen Stelle stand. Während sie draußen wartete, dachte sie an den Mann mit dem Hut und fragte sich, ob er sich vielleicht doch umbringen wollte. Sie dachte an den Taxifahrer gestern Abend und an den Geruch nach Zwiebeln und die Musik in seinem Auto. An Großvater dachte sie nicht.

Vor dem Grab hielt ein Mann in Uniform, den sie nicht kannte, einen Regenschirm über sie und ihre Mutter. Frank-Peter sagte später, das seien Angestellte vom Friedhof gewesen, die an solchen Tagen eingesetzt werden. Der Pfarrer war ein dicker Mann Ende Dreißig, er trug eine violette Schärpe und verschluckte einzelne Silben beim Sprechen. Als er fertig war, stellten die Leute sich vor das Grab, sahen hinunter und gingen dann auf Marie und ihre Mutter zu. Sie gaben ihnen die Hand, erst der Mutter, dann ihr, und sprachen ihr Beileid aus. Marie konnte sich nicht erinnern, jemand von ihnen schon einmal gesehen zu haben. Beim Verlassen des Friedhofs ging sie ganz hinten, damit sie unter niemandes Regenschirm mitlaufen musste.

Im Zug dachte Marie an das Heft, dass der Mann auf der Hinfahrt im Abteil liegengelassen hatte. Als sie vor dem Grab ihres Großvaters gestanden war, hatte sie es aus der Manteltasche genommen und hinunter geworfen. Unten gab es einen dumpfen Schlag, wie von einer Tür, die ins Schloss fällt. Sie wusste nicht, warum sie das tat, auch später nicht. Nur an das Geräusch konnte sie sich erinnern. Marie hatte gehofft, unbeobachtet zu sein, aber als sie aufblickte, sah sie, wie ihre Mutter unter dem Regenschirm stand und sie fixierte. Auf der Rückfahrt im Auto hatte Marie erwartet, dass ihre Mutter sie darauf ansprechen würde, aber ihre Mutter schwieg.

Jetzt legte sie sich wieder das Buch ihres Großvaters auf die Knie, schlug es aber nicht auf. Sie sah nach draußen. Der Zug fuhr durch die Stadt, in der sie auf der Hinfahrt so lange gestanden hatten. Marie erkannte die Backsteinmauer wieder, die im Vorüberfahren ganz anders aussah. Sie wurden langsamer, der Zug fuhr in den Bahnhof ein und hielt. Aus irgendeinem Grund erwartete Marie, der Mann mit dem Hut würde jetzt zu ihr ins Abteil steigen, doch die Türe öffnete sich nicht. Der Zug fuhr wieder an, verließ den Bahnhof und verließ die Stadt. Die Häuser verschwanden und die Hochspannungsmasten tauchten wieder am Horizont auf. Mit einem Mal fielen ihr die Worte wieder ein, mit der der Pfarrer seine Grabrede beendet hatte: „Sie werden vergehen, du aber bleibst; sie alle zerfallen wie ein Gewand, du wechselst sie wie ein Kleid und sie schwinden dahin.“

Marie sah auf das Buch auf ihrem Schoß nieder. Sie öffnete es auf der ersten Seite und begann zu lesen. Sie las die Widmung, dann blickte sie noch mal für einen kurzen Moment hoch. Der Zug fuhr über eine Brücke, das Wasser des Flusses darunter schien eingefroren. Weiter hinten standen ein paar Weidenbäume, deren kahle Äste im Wind wie Fahnen flatterten. Es kam Marie vor, als habe heute ein langer Winter angefangen, aber eigentlich war das alles erst der Herbst.

 

 

 

Lyrik