Melde, Mensch. Immer melde.

„Melde, Mensch, immer melde. Ein Volk von verhinderten und nicht verhinderten Polizisten, das sind wir und sind wir schon immer gewesen. Heil uns.“

Diese Worte stammen aus dem Fernsehfilm „Monolog für einen Taxifahrer“, geschrieben von Günter Kunert.


Der Protagonist, ein namenloser Taxifahrer, äußert sie nach einem Streit mit einem Fahrgast, der ihn melden will.

„Monolog für einen Taxifahrer“ ist ein DEFA-Fernsehfilm (Regie: Günter Stahnke) aus dem Jahr 1962, der kurz vor der Ausstrahlung verboten wurde.

Es geht um die Erlebnisse eines Taxifahrers, der eine junge hochschwangere Frau, die in einem Geschäft zusammengebrochen ist, am Heiligabend in ein Krankenhaus fährt und auf seinem Weg zahlreichen Hindernissen vor allem in der Kommunikation mit den Menschen begegnet.

Die Kampagne gegen den Film fand ihren Höhepunkt in der Beratung des SED-Politbüros mit Künstlern am 24. / 25. März 1963. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros, urteilte dort:

Die Normen des Lebens in der sozialistischen Gesellschaft — Anständigkeit Rücksichtnahme, gegenseitige Hilfe, Kameradschaft usw. — die von einer immer größeren Zahl werktätiger Menschen als ihre sittlichen Normen anerkannt und erstrebt werden, werden somit diskreditiert. Der Mensch wird aufgefordert gegen diese Fesseln der ‚selbstmörderischen Anständigkeit‘, der Einsicht in die Notwendigkeit, der Rücksichtnahme auf andere Menschen zu rebellieren. Er soll sich also von allen sittlichen Regeln des Zusammenlebens in der sozialistischen Gesellschaft befreien. Wollte Kunert damit sagen, dass es notwendig ist, zu der auf Egoismus und Konkurrenzkampf beruhenden Moral der Ausbeutergesellschaft zurückzukehren? Wir können es nur als beleidigende, intellektuelle Überheblichkeit gegenüber den arbeitenden Menschen unserer Republik ansehen, wenn von ihnen als einem ‚Volk von verhinderten und nicht verhinderten Polizisten‘ als ‚Normalverbrauchern, Durchschnittsmenschen. Durchschnittsnieten, Durchschnittsversagern‘ gesprochen wird. In Inhalt und Form widersprechen beide Werke den Grundforderungen an die Kunst des sozialistischen Realismus. Statt sozialistischer Parteilichkeit für unsere Republik und ihre Menschen finden wir skeptische Distanzierung, Verachtung der Arbeit und des .Kampfes der arbeitenden Menschen. Statt der Wahrheit und Schönheit unseres Lebens mit allen seinen Konflikten finden wir das entstellte primitive. schematische Bild eines Lebens ohne Wärme, ohne menschliche Größe. Unter dem Vorwand, menschliche Probleme aus unserem Alltag aufzugreifen, wird besonders im ‚Monolog für einen Taxifahrer‘ der sozialistischen Gemeinschaft der Kult des Einzelgängertums, wird dem optimistischen Lebensgefühl des sozialistischen Menschen die existentialistische Philosophie der Hoffnungslosigkeit entgegengestellt.

Der Text Kunerts sei „durchdrungen von einem tiefen, unserer sozialistischen Weltanschauung fremden Skeptizismus gegenüber dem Menschen und seiner Fähigkeit, die Welt und dabei sich selbst zu verändern.“

Im Film fragt sich der namenlose Taxifahrer:

Wie bin ich nur auf diesen Planeten geraten, wo man nicht miteinander spricht, sondern telefoniert, wo ich nichts bin als ein fremdes Tier, das sich verirrt hat unter Menschen. Verirrt, von keinem gesehen, von keinem gehört, von keinem gebraucht.

Und er urteilt:

Quälen einander, peinigen den anderen und tragen stolz den Namen Mensch. Wie ein Gütezeichen, wie eine Fabrikmarke, gesetzlich nicht geschützt, zur Nachah- mung empfohlen, zum alsbaldigen Verbrauch bestimmt: Das Produkt Mensch!

Günter Kunert

Alfred Kantorowicz schrieb bereits 1968 über den Film in seinem Buch „Der geistige Widerstand in der DDR“. Dort heißt es:

Die, die im Machtbereich Ulbrichts der geistigen Freiheit vorkämpfen, tragen dazu bei, daß vielleicht, vielleicht doch nach Jahrzehnten der Verfinsterung, das Licht der Aufklärung wieder zu scheinen beginne.Wir gedenken der Genannten und der unzähligen Ungenannten, die diese Fackel des geistigen Widerstandes gegen die Tyrannis weitergetragen haben, in Ehrerbietung.
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© Gunnar Kaiser 2020 | Cologne | Germany