Ein Volk von Kriechern

Auf unseren Reisen kamen wir auch nach Argiporea – ein kleines Land, das die gleichnamige Insel inmitten des Piegatischen Meeres vollständig bedeckt, eine fruchtbare und abwechslungsreiche Insel, einige hundert Kilometer westlich des Horns von Otkazati und auf einem Längengrad mit der sagenumwobenen Stadt Laputa gelegen.

Argiporea ist dank seiner Lage ein Land, dem es an nichts mangelt. Seine Einwohner sind überdurchschnittlich intelligent und rühmen sich ihrer weitläufigen Bildung. Die Argiporeer kommen zwar nicht viel herum, aber was sie von der Welt wissen, haben sie aus kundigen Folianten und Reiseberichten ausländischer Abenteurer.

Jeder, der – wie wir – einen Fuß auf Argiporea setzt, erkennt auf den ersten Blick, dass es sich bei dem Volk der Argipoeer um sorgfältige und fleißige Menschen handelt, die gerne ihre Pflicht erledigen, pünktlich und ordnungsliebend bis zu einer liebenswerten Pedanterie sind, ansonsten aber auch gerne einmal dem Bier zusprechen oder einem kleinen Spaziergang durch den lauen Sommerabend.

Doch ich sollte besser sagen: Er würde es erkennen, unser ausgedachter Reisender und Neuankömmling auf der Insel Argiporea, wie auch wir es auf den ersten Blick erkannt hätten, wäre da nicht die seltsame Eigenheit der Argiporeer gewesen, die … nun, ich zögere, ich bin verlegen, die richtigen Worte zu finden… Es war eine Eigenheit, die uns die Argiporeer sogleich als einen vollkommen fremden und unverständlichen Menschenschlag erscheinen ließ. Eben diese Eigenheit, von der ich sogleich sprechen werde, hat meine Männer und mich derart abgestoßen, ja geradezu verwirrt, dass wir uns beim besten Willen nicht hätten vorstellen können, wie ein funktionierendes Leben und Gemeinwesen auf der Insel überhaupt möglich sei. Es war – ich darf nicht länger warten, es zu entdecken – die auf den ersten Blick zu erkennende und verblüffende Eigenheit der Argiporeer, sich stets und zu jeder Zeit auf allen Vieren fortzubewegen.

Der erste, den wir in dieser Stellung antrafen, war der Quartiermeister am Hafen der Hauptstadt. Er kam uns krabbelnd entgegen, dergestalt, dass meine Männer erst zurückschreckten, da sie vermuteten, ein groteskes Ungeheuer, eine riesige Spinne oder ein sehr hässlicher, fellloser und dafür mit Menschenkleid behangener Hund näherte sich uns – dann aber in schallendes Gelächter ausbrachen, weil der Anblick des Mannes, der ansonsten vollkommen bei Sinnen und in voller Kraft seines Geistes und Körpers zu sein schien, einen so belustigenden Eindruck auf uns machte.

Als er zu sprechen anhob, konnten meine Männer ihr Lachen kaum unterdrücken, sodass ich sie von Bord und in die erstbeste Hafenkneipe scheuchen musste. Auf dem Weg dorthin dämmerte uns langsam, dass der Hafenmeister sich weder einen Scherz erlaubt hatte, noch dass er auf grausame Weise entstellt war. Alle Argiporeer, die uns entgegenkamen, bewegten sich auf dieselbe oder eine ähnliche Weise fort.

Sie krabbelten, krauchten, glitten, schlitterten, schleppten sich, robbten, gingen auf allen Vieren. In einem Wort: sie krochen. Auch in der Spelunke bot sich uns dasselbe Bild: Die Neuankömmlinge krabbelten fluchend und johlend herein, hinter dem Tresen war nur hin und wieder ein blonder Haarschopf zu erkennen, die Kellnerinnen bewegten sich erstaunlich geschickt auf zwei Beinen und einem Arm nach der Art der Krebse vorwärts, das Tablett in der freien Hand, und bedienten die auf dem Boden sitzenden Gäste.

Dabei war es offensichtlich, dass kein körperliches Leiden die Menschen zwang, geduckt zu gehen und zu stehen. Sie wirkten sonst von gesundem Körperbau, ja sie bewegten sich sogar erstaunlich flink und behände, sodass ich vermuten musste, dass ihnen diese für das Menschengeschlecht doch recht unnatürliche Eigenheit schon seit langer Zeit in Fleisch und Blut übergegangen sein musste.

Es konnte uns freilich nicht entgehen, dass die Argiporeer uns, den aufrecht gehenden Fremden, mit einem gewissen Argwohn begegneten. Sie sahen uns herablassend aus ihren blauen Augen von unten herauf an, was wiederum Anlass zur Belustigung bot. Doch meine Männer und ich waren von der Selbstverständlichkeit, mit der die Argiporeer ihre schmerzhaft scheinende Lebensweise angenommen hatten, so entgeistert, dass uns das Lachen im Halse stecken blieb.

An den folgenden Tagen wurde unsere Vermutung, dass das gesamte Volk der Argiporeer kriechend durchs Leben ging, zur bitteren Gewissheit. Sowohl auf dem Land, in den Dörfern und Weilern, bei den Fischerhütten, den Gehöften und den Almen, als auch in den Handelsstädten und der Hauptstadt Puzati gingen die Menschen ausnahmslos auf allen Vieren. Ihren Kopf trugen sie niemals höher als etwa anderthalb Meter.

Nur die Kinder gingen noch aufrecht, solange sie klein waren, das heißt, solange sie uns etwa bis zur Hüfte gingen. Die älteren und früh hochgewachsenen Kinder begannen offensichtlich, den Kopf und den Oberkörper so zu beugen, dass sie ihre kriechenden Eltern niemals überragten. Bisweilen sahen wir allerdings auch einige sehr eifrige Kinder, die sich bereits im Vierfüßlergang übten. Wie wir später erfuhren, wurden in den Lehranstalten und Gemeindehäusern, in Genossenschaften und Klubs diejenigen öffentlich ausgezeichnet, die am frühesten und am geschicktesten mit dem Kriechen begannen. Es wurden auch Lehrer mit dem Eisernen Knie am Band geehrt, die ihren Adepten das Kriechen besonders erfolgreich beizubringen wussten.

Erst dachten wir, es sei vielleicht eine Anordnung des Königs, die die Argiporeer dazu zwang, ihren Kopf niemals über eine bestimmte Höhe hinaus zu tragen. Vielleicht war der Regent selber kleinwüchsig und voller Hass und Ressentiment gegen jeden, der ihn in körperlichen Dingen überragte. Vielleicht war es ihm nur durch eine solch menschenverachtende Anordnung möglich, sein Gebrechen zu vergessen. Doch es wäre auf diese Weise nicht zu erklären gewesen, warum die Argiporeer auch in Augenblicken krochen, da sie mit größter Gewissheit unbeobachtet waren.

Meine Männer versuchten, durch geschicktes Ausspähen herauszufinden, ob die Argiporeer bisweilen ihr so unnatürliches Gehaben aufgaben – doch vergebens. Auch in den Häusern, wenn sie sich alleine fühlten, erhoben sich die Argiporeer nicht.

Noch in den wüstesten Einöden sahen wir Mönche, die von unserer Anwesenheit unmöglich erfahren haben konnten, auf allen Vieren gehen. Ganz gleich, in welcher Lage die Einwohner von Argiporea auch sein mochten, stets krabbelten sie und hoben ihren Kopf nicht höher als bis zu dem Punkt, wo etwa ihre Hüfte war.

Ich hoffe, der gütige Leser wird mich entschuldigen, dass ich bei diesen und ähnlichen Umständen so lange verweile; aber es scheint mir notwendig, um ihm das eigenartige Gebaren der Argiporeer vor Augen zu führen. An den Wänden ihrer Wohnungen befanden sich Gemälde, die, wenn sie Menschen zeigten, diese nur in kriechender Form abbildeten. Auch die sagenhafte Gestalt des alten Königs Genoudor bot sich dem Betrachter in Form eines Denkmals auf dem großen Platz der Hauptstadt nur in Gestalt eines wie ein Hase zusammengekauerten Fabelwesens. Halb Mensch, halb Hase, dachte ich beim Anblick des alten Königs und schüttelte den Kopf.

Es musste sich bei dem, was die Argiporeer in die Knie zwang, also um etwas anderes handeln als den unmittelbaren Befehl eines grausamen Gewalthabers. Ich scheute mich nicht, in Momenten der Gastlichkeit, wenn ich mich mit einem der Argiporeer, weil ich ihm gesenkten Hauptes begegnete, gut zu verstehen schien, nachzufragen.

»Verzeiht die Unwissenheit eines Fremden«, begann ich und senkte Brust und Kopf noch ein paar Zoll mehr in Richtung Boden, »einem Weltenbummler, der bislang keinen Fuß auf Argiporea gesetzt hat. Was ist die Ursache für die eigenartige Fortbewegungsart der Argiporeer?«

Doch trotz seines wohlmeinenden Blicks sah sich der Mann außerstande, mir zu antworten.

»Ich weiß, was ihr meint. Uns ist durchaus bekannt, dass es in fernen Ländern den Brauch gibt, die Hände vom Boden zu heben und die Hüfte so zu überdehnen, dass man regelrecht überlebensgroß wird. So wie ihr es tut. Ich verstehe es nicht, doch mir wurden Höflichkeit und Aufgeschlossenheit beigebracht, und schulterzuckendes Dulden ist in Argiporea seit den Zeiten Genoudors des Geduckten geradezu erste Bürgerpflicht. Allerdings weiß ich beim besten Willen nicht, warum wir es machen, wie wir es machen – wie ihr mir sicherlich auch keinen Grund angeben könnt, warum der Brauch in eurem Lande ein anderer ist. Ihr steht aufrecht, wir kriechen; ich finde nichts dabei. Ihr sagt Rauchfang, wir sagen Kamin. So ist es eben.«

Ähnliche Unwissenheit über den Grund für die bodendeckende Lebensweise der Argiporeer bot sich mir in den weiteren Gesprächen, die ich auf der Insel führte. Erst als ich nach Patka kam, einem kleinen Städtchen, das für seine Kultur und sein reiches Geistesleben bekannt war, traf ich in einer Bibliothek einen Mann, der mir Auskunft geben konnte.

Es handelte sich um den Bibliothekar Kaylekhik Tsurik, einen beinahe erblindeten, weißhaarigen Alten, der so gebeugt ging, dass nicht zu unterscheiden war, ob er ein Krüppel oder ein schon seit sehr vielen Jahren besonders fügsamer Untertan des Königs war. Es mochte auch das eine zu dem anderen geführt haben.

»Verzeiht«, bat ich auch Tsurik, »erklärt einem wissbegierigen Reisenden doch die augenfällige Eigenart Argiporeas.«

»Man hat mir von euch erzählt«, antwortete der Bibliothekar. »Schon vor Tagen erfuhr ich, dass Fremde auf Argiporea umherziehen, und dass sie aufrecht gehen. Ich hatte gehofft, ihr würdet zu mir kommen.«

Erstaunt blickte ich ihn an.

»Es ist gut, dass ihr fragt«, fuhr er fort, »denn das Wissen um diese Frage könnte euer Leben retten.«

»Mein Leben?«

»Und das eurer Mannschaft.«

»Doch wie?«

»Es hat euch niemand gesagt, dass ihr kriechen sollt, nicht wahr?«

»Nein.«

»Man hat euch höchstens missbilligend angesehen …«

»So war es in der Tat. Durchdringende, vorwurfsvolle Blicke, gepaart mit einem kaum zurückgehaltenen Verdruss auf den Lippen.«

»Das ist, weil niemand weiß, wie er es begründen soll, euch zu raten, sich nicht zu weit nach oben zu strecken.«

»Aber wir strecken uns nicht, wir gehen aufrecht. Wir gehen so, wie der liebe Herrgott uns geschaffen hat.«

»Seid ihr da so sicher? Schließlich war euer erster Gang ein krabbelnder, und euer letzter wird es so oder so wieder sein. Aufgerichtet habt ihr euch nur in einem Moment des Übermuts und der Verblendung. Wisst ihr, ob der Herrgott will, dass ihr aufrecht wandelt?«

»Alle Menschen bei uns gehen so. Es kommt mir nicht sonderlich übermütig vor.«

»Dann sind alle Menschen bei euch zu einer gefährlichen Lebensweise verleitet worden. Ihr seid in Unwissenheit gehalten über die tatsächlichen Verhältnisse.«

»Es will mir nicht besonders gefährlich erscheinen, aufrecht zu gehen.«

»Es ist ja nicht eure Schuld. Der niedrige Stand der Bildung in eurem Lande und der Unwille eurer Fürsten, euch zu beschützen, hat euch blind gemacht für die Gefahr.«

»Was ist das für eine Gefahr, von der ihr sprecht?«

»Es ist eine Gefahr, der ihr jederzeit ausgesetzt seid.«

»Auch in diesem Augenblick?«

»Da auch.«

»Und ihr? Seid ihr auch gefährdet?«

»Ich bin sicher, weil ich krieche.«

»Das will mir nicht einleuchten«, warf ich ein.

Behänder, als ich es dem Greis zugetraut hätte, drehte er sich um, schlich geduckt zu einem der Bücherregale hin und kam mit einem Buch, das er mit sicherer Hand hervorgezogen hatte, wieder zurück.

»Hierin ist die vollständige Geschichte der glückseligen Insel und des frommen Landes Argiporea festgehalten, von seiner Geburt aus dem Schaum des Piegatischen Meeres über die Herrschaft Genoudors des Geduckten bis zum heutigen Tage. Auch die Zeit der großen Seuche ist verzeichnet.«

»Die große Seuche?«

»Vor langer, langer Zeit suchte eine grässliche Krankheit unsere schöne Insel heim. Es war dies die Epoche der langen Kerls, wie wir sie heute nennen: Menschen, die vormals auf dieser Insel lebten und aufrecht gingen wie ihr.«

»Was geschah mit ihnen?«

»Sie starben aus, da sie nicht von rechter Einsicht geleitet waren.«

»Die große Seuche raffte sie dahin?«

»So ist es, Fremder. Beinahe wäre das ganze Land entvölkert und zur Wüstenei geworden, wäre nicht unser König Genoudor gewesen. Genoudor war ein ebenso vorsichtiger wie weiser Herrscher. Jegliche Großmannssucht war ihm fremd. Als die Kunde umging, dass die Menschen von Argiporea an einer seltsamen Krankheit litten, zögerte er nicht und rief Forscher und Gelehrte an den Hof, die zu dem Ergebnis kamen, dass sich ein neuartiger Krankheitserreger in der Luft von Argiporea befand – ein gefährlicher Erreger, der vor allem die unteren Atemwege zu befallen schien.

Nach einigen Wochen fiebriger Suche nach einem Antidot entdeckte einer der Gelehrten, Doktor Caninus Pückler, dass der Erreger allein in Tröpfchen vorzufinden war, die etwa anderthalb Meter über dem Boden schwebten. In die unteren Luftschichten drang der Erreger niemals vor. Pücklers Entdeckung rettete unser Volk vor dem Verschwinden. Von dem unerschütterlichen Willen beseelt, seiner Pflicht als Landesherr nachzukommen und sein Volk vor dem unsichtbaren Feind zu schützen, entschied Genoudor, dass fortan die Menschen nur noch kriechend leben sollten – für die Zeit, in der der Erreger grassierte. Viele von uns gehorchten dem weisen König und begannen, Stühle, Tische, Pferde und Leitern fortzuwerfen, und bewegten sich fortan kriechend. Diejenigen, die sich weigerten, weil sie verführt worden waren von der Irrlehren derer, die den Erreger leugneten, starben recht bald und erfuhren ihren gerechten Lohn.

Diejenigen der wenigen Aufrechten aber, die partout nicht sterben wollten, begann das Volk der Kriecher, wie es sich bald liebevoll selber nannte, in einer Welle der Rücksichtnahme und umsichtigen Wachsamkeit zu ertränken – bildlich gesprochen. Bald schon verstand man, dass viel schlimmer als jeder Keim und jede Seuche der Unbelehrbare ist. Der Wille der Kriecher, die Aufrechten als Gefahr, als Schädling, als dem Volkskörper fremd von sich zu weisen, sie zu vereinzeln und aus ihrer Mitte hinauszustoßen oder sie ebenfalls in die Knie zu zwingen, sodass sie keinerlei Schaden mehr anrichten konnten – dieser Wille war so mächtig, dass binnen weniger Jahre die letzten Aufrechten entweder flohen oder sich endlich beugten. Und dies sicherte unser aller Überleben. Der Sohn Genoudors des Gebückten, Magatta der Kleine, verfasste gar ein Pamphlet, das Strafe und Zucht all der Spinner und Wirrköpfe festlegte, die die Maßnahmen keck hinterfragten oder ihnen aufmüpfigen Geistes zuwiderhandelten. Es trägt den Titel ‘Mein Kampf gegen die Aufrechten‘ und steht heute in der Stube jedes Einwohners der Insel.«

»Erstaunlich«, versetzte ich. »Und der Erreger ist seit diesen Zeiten noch immer ab anderthalb Metern Bodenhöhe und aufwärts in der Luft?«

»Das weiß niemand. Es ist aber in Anbetracht unserer Lebensweise auch nicht notwendig, das zu wissen.«

»Weil niemand mehr aufrecht geht.«

»In der Tat. An all dies gewöhnten sich die Argiporeer gerne. Auch die neue Weise, die Aufrechten zu maßregeln wurde ihnen geradezu zu einem Volksvergnügen, und sich selber zu erniedrigen, eine Lust. So wurde bald, was von Genoudor als vorübergehend erdacht worden war, zu einer neuen Normalität. Aus einer Not machte das Volk der Kriecher eine Tugend.«

»Das ist fürwahr verwunderlich.«

»Und was noch viel verwunderlicher war, war unser Bemerken, dass wir durch das Kriechen und das Maßregeln und Heraustreiben der Aufrechten auch allen anderen Gefahren und Herausforderungen, denen sich unser Gemeinwesen gegenübergestellt sah, viel besser entgegentreten konnten – weil in der Folgsamkeit und Artigkeit des Volkes nun mal seine höchste Sittlichkeit besteht. Und so, mein neugieriger Fremder, haben wir das Kriechen gelernt, und auch ihr solltet lieber kriechen, wenn euch euer Leben lieb ist.«

Bei diesem letzten Satz brach der Alte in ein gräusliches Gelächter aus, welches ich ratlos, ob er eine Warnung oder eine Drohung oder gar einen Fluch ausgesprochen hatte, über mich ergehen ließ. Schließlich machte ich mich erschrocken davon und verließ die Bibliothek.

Auf dem Weg durch die Straßen von Patka, zurück zu meiner Mannschaft, die ich im roten Viertel zurückgelassen hatte, befiel mich der Gedanke, ob Tsurik nicht doch recht haben könnte. Vielleicht hatte ja wirklich ein todbringender Bazillus die oberen Luftschichten befallen und ich schwebte in höchster Gefahr, ohne es zu wissen. Unwillkürlich begann ich ein wenig gebeugter zu gehen. Und was, wenn es nicht stimmte, und ich es trotzdem den Argiporeern gleichtat?

Was sollte schon groß schiefgehen – es würde mir ja sicherlich nicht schaden. Das bisschen Kriechen…

Mit einem Mal überkam mich beim Anblick der krabbelnden Menschen um mich herum ein großes Mitgefühl – war es nicht rücksichtslos von mir, weiterhin aufrecht zu gehen? War es nicht, selbst wenn ich zweifelnd blieb, ein Akt der Brüderlichkeit, mich von nun an auf allen vieren zu bewegen? Schließlich wäre es doch nicht nur klüger, aus Vorsicht zu kriechen, selbst wenn es sich irgendwann als unnötig herausstellte, sondern auch der Beweis meines guten Willens und meines Anstands, wenn ich es den Kriechenden gleichtat? Wäre es nicht eine angemessene Art Haltung zu zeigen, indem ich kroch?

Ich widerstand dem Gedanken aus einem Gefühl des verletzten Stolzes heraus, obschon ich nicht umhin konnte, auf meinem Weg durch die Gassen immer ein wenig geduckter zu gehen.

Wie ein Bückling wandernd gelangte ich zu dem Wirtshaus, in dem ich meine Mannschaft zurückgelassen hatte. Ihr Anblick erschreckte mich. Ich fand sie sich auf dem glanzlos fleckigen Boden räkelnd und windend wieder, schleichend und robbend, ganz wie all die anderen Gäste, die das Etablissement bevölkerten. Meine Männer, meine Gefährten so zu sehen, machte mich rasend und voller Weh und Ach zugleich. Ich wollte sie hochziehen, jeden einzelnen von ihnen, doch als ich näher kam und sie packen wollte, traf mich ein herablassender Blick aus ihren trüben Augen, der mich hieß, zurückzutreten.

Ich floh. Den Leser will ich nicht mit den Schwierigkeiten langweilen, die sich mir durch den Umstand boten, dass nirgends Pferde noch Kutschen aufzutreiben waren. Die ganze Nacht und den nächsten Tag lief ich durch die Ebenen Argiporeas, immer wieder dem Drang widerstehend, den Kopf zu beugen und in die Knie zu gehen. Schließlich kam ich ausgehungert und halb verdurstet am Hafen an, wo ich auf einem Schiff anheuerte, das mich wieder in die Heimat brachte.

Seit dieser Zeit hat sich in meine Seele ein Abscheu gegen jegliche Art des Kriechens eingenistet. Noch heute überkommt mich großer Widerwille, wenn ich einen der Bürger meines eigenen Landes in gebückter Haltung gehen sehe.

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© Gunnar Kaiser 2020 | Cologne | Germany